So ohne Zelt und ohne Geld

So hört, ihr Herren, wie es sich einst begab im Jahre des Herrn 1994, dass eine muntere Schar Gaukler und Spielleut aus der Stadt Gutinga sich auf den Weg machte, die goldne Weinstraße im Hessenlande herab zu ziehen und das Volk zu belustigen:
"Reiseauskunft der Deutschen Bundesbahn, guten Tag."
"'N Tag, wir möchten mit einem Leiterwagen nach Darmstadt, können wir den als Fahrrad mitnehmen?"
"Ja wie? Das ist doch ein Leiterwagen und kein Fahrrad. Der nimmt doch viel mehr Platz weg."
"Vielleicht als zwei Fahrräder?"
"Nein, wie gesagt ein Leiterwagen ist auch keine zwei Fahrräder."
"Vielleicht könnten wir es einfach als Kinderwagen..."
"Ja, ist das denn nun ein Leiterwagen oder ein Kinderwagen?"
"Naja, schon ein Leiterwagen, aber er ist doch nicht viel größer als ein Kinderw..."
"Nein, das geht nicht, es ist ja schließlich kein Kinderwagen!"
"Aber wie sollen wir ihn denn dann nach Darmstadt kriegen?"
"Sie müssen ihn als Expressgut aufgeben!"
"Was kostet das?"
"Keine Ahnung, da müssen Sie schon die Expressgutauskunft anrufen."
"Oh ja, natürlich, wie ist denn die Telefonnummer?"
"Das weiß ich doch nicht. Gucken Sie doch einfach im Telefonbuch nach!"
"Ja, äh, vielen Dank, auf Wiederhören."
Die Räder machen auf dem Kopfsteinpflaster einen Höllenlärm als wir nachts um halb zwei durch das schlafende Göttingen ziehen. Wir vertrauen darauf, dass es schon klappen wird, obwohl ein Leiterwagen weder ein Fahrrad oder auch zwei, noch ein Kinderwagen ist.
"Huch, was ist das denn?"
"Äh, ein Leiterwagen, können wir den im Gepäckwagen mitnehmen?"
"Natürlich, bis wohin wollen Sie denn?"
"Bis Darmstadt."
"Dann stellen Sie ihn am besten in die Ecke dort."
"Seht die Raben auf dem Felde, sie säen nicht, sie ernten nicht und der Herr ernährt sie trotzdem." Unsere Morgenandacht paßt zur Situation. Der Beutel ist leer, die spärlichen Einnahmen aus Darmstadt sind längst aufgegessen. Am frühen Nachmittag ziehen wir (immer noch mit leeren Bäuchen) los zum Anfang der historischen Bergstraße. Ein Haufen Weizenkörner am Wegesrand wird für ein vollwertiges Ökoabendessen gleich eingepackt. Wie befürchtet, ist in den ausgestorbenen Vororten kein Geld zu verdienen. So bereichern wir abends die gekochten Körner mit Brennnesseln, die Chrissi und Robert in der Dämmerung gesammelt haben - irgendwie waren die einen rot und rund, andere grün und länglich und schmeckten allesamt vorzüglich - in Biologie waren sie noch nie die großen Leuchten, beteuern sie.

Heidelberg. "Und jetzt heben wir alle die Hände und klopfen uns auf die Oberschenkel. Ei, ei, ei, was klimpert denn da? Und jetzt schauen wir nach, was da so klimpert. Wenn Ihnen die Vorstellung gefallen hat, dann nehmen Sie einen Taler des Lobes und tun ihn hier hinein. Wenn Sie ihnen nicht gefallen hat - wir sind natürlich auch für Kritik offen - nehmen sie einen Schein des Tadels, notieren darauf ihre Kritik und tun ihn ebenfalls hier hinein!". Das Publikum ist begeistert und wir schwelgen im Überfluss. Die Körner sind vergessen, zum Abendessen gibt es Wein, zum Frühstück Lachs.
Ich frage den Bahnbegleiter, wo das Fahrradabteil ist. "Was? Mit so einem Scheißteil wollen Sie mitfahren? Die Leute lassen sich ja immer blödere Sachen einfallen mit denen sie verreisen wollen! [...] Hinten im letzten Wagen ist noch Platz."